Zum Welthumanistentag – Bruno Osuch

Sunday Assembly am WelthumanistentagLiebe Freundinnen und Freunde,

meine Damen und Herren,

zuerst möchte ich mich ganz herzlich bedanken bei den drei Frauen
Abini Zöllner,
Sue Schwerin von Krosigk und
Regina Malskis
die vor und hinter der Bühne, diese Veranstaltung heute so wunderbar moderieren, besprechen und organisieren.

Mein Dank gilt freilich auch allen anderen Mitwirkenden.

Und ganz besonders danke ich den Kolleginnen und Kollegen der Sunday Assembly, mit denen wir nun schon seit längerem kooperieren.

Der Höhepunkt dieser Zusammenarbeit ist zweifellos die heutige gemeinsame Veranstaltung zum Welthumanistentag.

Ich sehe darin einen wichtigen und hoffnungsvollen Schritt zur weiteren gesellschaftlichen Etablierung einer neuen, z.T. auch bereits schon lange existierenden, Fest- und Feierkultur weltlich-humanistisch orientierter Menschen in unserem Land.

Mein Optimismus wird auch gespeist durch die z.T. sehr dynamische Entwicklung in anderen Ländern und in bestimmten Feldern unseres Landes und unserer Stadt.

Ich denke z.B. an den Boom weltlicher Hochzeiten in Teilen Großbritanniens, oder an die breite Resonanz sog. „weltlicher Konfirmationen in Norwegen“, an denen bis zu 50 Prozent eines Jahrgangs teilnehmen, oder an die bunte und kreative Bewegung weltlicher Bestattungen fern aller religiöser Bezüge in allen Teilen der Republik, und nicht zuletzt denke ich an die enorme Zahl humanistischer Jugendfeiern in Berlin und Brandenburg, die mittlerweile sogar die Zahl der Konfirmations- und Kommunionsteilnehmer in unserer Region überrundet hat.

Das ist in der Tat ein Zeichen von Emanzipation und Selbstbestimmung im säkularen Spektrum unserer Gesellschaft.

Wie aber steht es mit der entsprechenden Toleranz, Akzeptanz oder gar Unterstützung auf Seiten der gesellschaftlichen Eliten wozu ich auch die großen Medien zähle?

Sie erinnern sich sicher noch alle an die Entscheidung der Berliner Schulverwaltung vom Dezember letzten Jahres, den Welthumanistentag in den offiziellen Feiertagskalender für die Schülerinnen und Schüler aufzunehmen – eine Entscheidung die sogar bundesweit Beachtung fand.

Und auch im aufgeklärten Berlin war das eine kleine Sensation.

Die reine Berichterstattung war zumeist sachlich. Aber erinnern Sie sich auch noch an die Kommentare in der Presse?

Fast alle Kommentatoren hatten einen ähnlichen Tenor – ob in der Springerschen „Morgenpost“ oder der Zeitung der Bildungsbürger und sog. „Entscheider“ dieser Stadt, dem „Tagesspiegel“ oder in der angeblich so links-alternativen „TAZ“:

Nirgends war etwa von einer positiv-überraschten Reaktion im Sinne der Gleichbehandlung von religionsfernen Humanistinnen und Humanisten zu lesen. Im Gegenteil: Die Kommentare reichten vom

  • buchstäblich „ungläubigen“ Unverständnis,
  • über ironisch-sarkastische Skepsis,
  • bis hin zur bösartigen Häme ausgerechnet in der TAZ, die die Lebenskunde-Schülerinnen und –Eltern gar in der Nähe des Sektenartigen verortete.

Zur Information für alle, denen die Zahlen nicht so bekannt sind: An der Humanistischen Lebenskunde nehmen in der Berliner Grundschule mehr Kinder teil, als am evangelischen Religionsunterricht – so viel zum Thema „Sekte“.

Welcher Geist kommt hier eigentlich zum Ausdruck?

Bisher dachte man, es sei vor allem das Privileg der CSU oder katholischer Würdenträger, die alte Mär von der christlich-abendländischen Prägung unserer Kultur und Gesellschaft aufrechtzuerhalten.
Dass aber führende Tageszeitungen ausgerechnet im mehrheitlich konfessionsfreien Berlin offensichtlich einem ähnlichen Denken verhaftet sind, ob bewusst oder unbewusst – und nicht anders ist dieser gemeinsame Grundtenor m.E. nach zu erklären – das überrascht allerdings.

Ich darf daher an dieser Stelle den Paragraphen 1 des Berliner Schulgesetzes in Erinnerung rufen:
Dort werden die wesentlichen Grundlagen unserer Kultur explizit benannt. Es sind dies „die Antike,
das Christentum, und die für die Entwicklung zum Humanismus, zur Freiheit und zur Demokratie wesentlichen gesellschaftlichen Bewegungen“.

Diese Passage wurde bereits 1947 formuliert und hat offenbar nichts an Aktualität verloren.

Wenn wir also heute, im Jahr 2015, gemeinsam daran arbeiten, die Forderung vieler prominenter Vorkämpfer des Humanismus zu realisieren, ich denke z.B. an Bertrand Russel oder Alexander Mitscherlich, in Europa eine gelebte Kultur des demokratischen Atheismus und Humanismus zu entwickeln, dann können wir uns auf eine große geistesgeschichtliche Tradition berufen.
Diese reicht zurück bis weit in die vorchristliche antike Philosophie.

Nur ein Beispiel: Die Schule der sog. Stoiker hatte bereits vor über 2000 Jahren eine kosmopolitische Ethik

  • der Selbstbestimmung,
  • der Vernunft,
  • der Toleranz
  • und der Verantwortung für die Gemeinschaft entwickelt.

Und genau das sind die Werte, die dem Welthumanistentag zu Grunde liegen und die uns hier und heute zusammenführen.

Ein letztes: Bekanntlich hat der Berliner Senat vor einigen Monaten beschlossen, im Jahr 2017 den Reformationstag in Berlin – allerdings nur einmalig – zum arbeitsfreien Feiertag zu erheben.
Angesichts der historischen Bedeutung von Martin Luther und dem 500 Jahrestag seines Thesenanschlags kann man dafür auch als Humanist Verständnis haben.

Zugleich aber beschloss der Senat, den im selben Jahr in Berlin stattfindenden evangelischen Kirchentag mit € 8,4 Mill. € zu unterstützen. Zusammen mit der einen Mill. € aus dem Land Brandenburg und den 2,5 Mill. € vom Bund wird dieser 36. Ev. Kirchentag damit zu über 50 Prozent vom Staat gesponsert – wohlgemerkt für eine Kirche, die im Bundesgebiet gerade noch ein knappes Drittel der Menschen und in Berlin-Brandenburg zusammen ein knappes Viertel der Einwohner repräsentiert. Darüber kann man durchaus streiten.

Doch jetzt der entscheidende Punkt: In 5 Jahren, also im Jahre 2020, feiern wir den 100. Jahrestag der erstmaligen Einführung des alternativen Schulfaches Humanistische Lebenskunde.
Zugleich wird der HVD dann 115 Jahre alt – in diesem Jahr wird er 110 Jahre alt.
Ich male mir in meinem Optimismus gerade aus, was man da alles um den Welthumanistentag herum machen könnte – natürlich zusammen mit den vielen anderen Akteuren der freigeistig-humanistischen Szene: Ein Großteil der dann wahrscheinlich schon fast 70.000 Lebenskundeschülerinnen und Schüler könnte zu den vielen Veranstaltungen etwa zu Kinderrechten, zur Solidarität mit Flüchtlingen oder zum Thema der Rettung unserer Umwelt pilgern – natürlich während der Schulzeit!

Mit den Stiftungen der SPD, der Grünen, der Linken und auch der FDP könnte man einen großen und auch internationalen wissenschaftlichen Kongress etwa zur Werteerziehung in Europa durchführen.
Und mit der Sunday Assembly könnten wir einen Riesenevent z.B. in der Wuhlheide organisieren. Frage: Was meint Ihr – wäre die Politik dann schon so weit, im Sinne der Toleranz und Gleichbehandlung diese Veranstaltungen ebenfalls mit fünfzig Prozent zu sponsern?

Ich wünsche Ihnen alle noch eine schöne Restveranstaltung, kommen Sie gut in die Woche!

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