Willi

Über das Staunen – Wilfried B. Meyer

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Zum Abschluss dieser Sunday Assembly gestattet mir noch ein paar psychologische und vor allem grundsätzliche, ja, auch nachdenkliche Betrachtungen.

Staunen. — Was ist das eigentlich? Oder vielleicht besser: Was versteht man darunter? Oder noch genauer: Was verstehen verschiedene Menschen unter dem Terminus, dem Ausdruck Staunen? Welchen Begriff machen sie sich davon, wie definieren sie ihn? Es kann ja zu einem Ausdruck durchaus verschiedene Begriffe, also Bedeutungen geben.

Für die einen steht das Lustbetonte im Vordergrund, das die Sinne Beeindruckende. Das Betrachten von galaktischen Fotografien etwa, das Miterleben von Zirkusvorführungen, der Besuch einer Zaubershow, eines Museums mit physikalischen Experimenten.

Andere sehen darüber hinaus auch das Grundsätzliche, Elementare, Fundamentale, durchaus auch mit Schmerz Entstandene im Staunen, das die eigene Haltung zu Dingen, Sachverhalten, Lebewesen, Menschen, ja, zur Welt insgesamt verändern und prägen kann.

Nun, um dem ein bisschen mehr auf die Spur zu kommen, hat man Gruppen von Menschen einfach eine Menge bedeutungsgegensätzlicher Ausdrücke vorgelegt; diese sollten dann beurteilt werden nach dem Motto “Trifft mehr zu – trifft weniger zu”. Es stellte sich heraus, das dabei die eben genannten unterschiedlichen Schwerpunkte durchaus wiedergespiegelt werden, unabhängig von Alter oder Geschlecht der Probanden.

Einerseits hat Staunen für die Leute zu tun mit Attributen wie schön, interessant, weit, leicht, und auch tief. Andererseits aber mit sinnvoll, wertvoll, hilfreich, erstrebenswert, wichtig.

Staunen wird wahrgenommen als Gefühl, ein bewusstes Spüren. Darüber hinaus jedoch meist auch als Emotion, also als zur Bewegung, zum Handeln anregendes Gefühl (lat. emovere, hervorbewegen). Aber warum nur wirkt Staunen so anregend?

Nun, üblicherweise tritt Staunen auf bei überraschenden Ereignissen, beim Anblick eines sich plötzlich darbietenden wunderschönen Sternenhimmels ebenso wie vielleicht beim Blick auf den Kontostand. Das kann zur freudigen Verblüffung tendieren, oder auch zum lähmenden Entsetzen – je nach Kontostand.

Oder das Staunen zeigt sich bei Gelegenheiten, die wir aktiv anstreben; ein Planetariumsbesuch etwa, der erwähnte Zirkusbesuch, die Zaubershow.

Schon das Aufsuchen solcher Events wird von Neugier getrieben, ja, auch von der Erwartung eines lustvollen Erlebnisses. Und dann – kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wir spüren, vielleicht nicht direkt bewusst, einen Unterschied, fast eine Disharmonie einerseits dessen, was wir gewohnt sind und was wir erwarten und andererseits dem, was wir erleben, sehen und hören. Ist dieser Effekt ist besonders ausgeprägt, sprechen wir von ungläubigem Staunen.

Die Neugier (offenbar ein Geschwister des Staunens) regt sich erneut, wir geraten in einen neurophysiologischen Erregungszustand und versuchen, das Erwartete und das Erlebte zur Deckung zu bringen, uns es zu erklären – das kann bei Zaubervorführungen dauern… Gelingt dies, haben wir etwas gelernt – das Lernen ist ebenfalls ein Geschwister des Staunens.

Die ausschließliche Orientierung auf diese Art des Staunens kann jedoch auch, das sei nicht verschwiegen, im Extremfall zu Sensationsgier, dem novelty seeking bis hin zu einer Suchthaltung, führen. Und damit zur Abstumpfung. Dies wiederum kann zur Schwächung der Neugier, einem Mangel des Zur-Deckung-Bringen-Wollens, einem Sich-Berieseln-Lassen, oder gar zum Verharren in der Rätselhaltung führen, dann sind wir bald schon bei der (auch religiösen) Schwärmerei.

Es gibt jedoch auch eine grundsätzliche, fundamental das Leben eines jeden von uns berührende Näherung zum Staunen. Eine mehr von innen kommende, “intrinsische”, wie man sagt. Diese wird eher geprägt von Ausdrücken wie Wertschätzung, Bewunderung, Verehrung, Liebe zur Sache; wir erinnern uns, die Probanden wiesen dem Staunen auch Attribute zu wie sinnvoll, wertvoll, erstrebenswert, wichtig.

Erstrebenswert? Wichtig? Wieso eigentlich? Nur, um eine gewisse Sensationslust zu befriedigen? Um uns einen immer neuen Staunkick zu geben? Wäre das wirklich ein Grund, das Staunen zum Gegenstand eines der drei Teilmottos der Sunday Assembly zu erheben? Warum die Ermunterung zu “Staune mehr” an einer solch zentralen Stelle? —–

Zunächst ein Blick auf das englische Teilmotto Wonder more. Es wird erläutert mit der Möglichkeit über Lesungen, Vorträge, gemeinsamem Singen und auch gemeinsamem Spielen die Verbindung untereinander zu stärken und damit auch die Verbindung zu unserer unglaublichen und staunenswerten Welt.

Wir erlauben uns, hier einen Schritt weiter zu gehen. Staunen ist, Platon folgend, die Grundlage aller Philosophie. Zunächst aber ist Staunen auch die Grundlage der Neugier, wie wir gesehen haben, des Strebens, das Erfahrene mit den eigenen Einstellungen und Erwartungen in Einklang, zur Deckung zu bringen. Was hat das zu Folge? Natürlich, dass sich unsere Einstellungen und Erwartungen anpassen, verändern, dass wir uns bewegen müssen.

Eine Beweglichkeit auch in unseren sozialen Kontakten. Somit wird die Kommunikation gefördert, und damit landen wir – Habermas folgend – beim Weltfrieden. Wunderbar – man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. 😉

Aber auch das würde die Einräumung des Staunens an einer solch prominenten Stelle im Motto der Sunday Assembly nicht rechtfertigen.

Liebe Freundinnen und Freunde, wir nähern uns des Pudels Kern, dem Sahnestückchen gewissermaßen, der eigentlich bedeutenden Dimension des Staunens.

Wir haben in Katis Beitrag (doing her best) erlebt, dass der Weg zum Staunen auch über den Schmerz führen kann, zum Staunen über sich selbst, über die grundsätzliche Änderung der Haltung zum Leben, besonders des eigenen. Khalil Gibran rät uns in seinem Gedicht, das Staunen über Freude wie Schmerz anzunehmen wie die vier Jahreszeiten.

Es gibt weitere Elementarerlebnisse in diesem Zusammenhang wie Nahtoderfahrungen (haben nur wenige), die Geburt eines Kindes, das Hervorbringen neuen Lebens (betrifft immerhin schon die Hälfte der Menschheit), einen jungen Menschen aufwachsen zu sehen und ihn aktiv zu begleiten (grundsätzlich allen offen).

Aber auch kurze Momente des Innehaltens, etwa die sich plötzlich entfaltende Sternenpracht oder nur einen Moment sichtbare beeindruckende Wolkenformationen.

Erlebnisse, kurze wie langdauernde, die auf uns einwirken, wenn wir es zulassen, uns zu innerer Einkehr einladen.

Uns Ehrfurcht spüren lassen – OHNE sich vor jemandem fürchten zu müssen.
Demut lehren – OHNE sich jemandem unterwerfen zu müssen.
Dankbarkeit erzeugen – OHNE jemandem Konkretes danken zu müssen.
Erdung geben – OHNE Höhenflüge auszuschließen.
Sich harmonisch als Teil des Ganzen zu begreifen – OHNE sich klein zu machen.

In diesen Momenten ist es möglich, weg von der Emotion, der Neugier, hin zum reinen Gefühl der Ausgeglichenheit zu gelangen, zum Spüren der stabilen Plattform des eigenen Lebens, der eigenen Existenz, zur Harmonisierung der Abhängigkeit von der Welt einerseits und und der Möglichkeit ihrer aktiven Gestaltung, der Gelassenheit und Kreativität, worauf Carmen in ihrem philosophischen Beitrag abhob.

Wir haben die Möglichkeit und Fähigkeit, auch ganz abseits von Ideologien und Religionen zu sagen:

Ich bin, es ist, und es ist gut. ——

Nun haben wir gesehen und eingesehen, wie immens wichtig das Staunen für uns und die Gemeinschaft ist. Doch – wie es hinbekommen, mehr zu staunen?

Ein paar kleine Handreichungen dazu dürfen hier nicht fehlen. Sehr unterschiedlichen Vorgehensweisen sind möglich. Im Sinne der emotionalen Näherung bietet sich zunächst eine Methode namens Flip-Flop an.

Wie funktioniert sie? Ganz simpel. Wir fragen uns einfach paradoxerweise, was wir tun könnten, um uns am Staunen hindern. Die Antworten notieren wir brainstormmäßig hintereinander weg, etwa keine Zeit, Stress, zu laut, habe Sorgen, habe Besseres zu tun, kenne schon alles, zu müde, bin voll mit Information etc.

Dann isolieren wir die für uns wichtigsten Hinderungsgründe, etwa keine Zeit, Stress, kenne schon alles. Schließlich denken wir uns jeweilig wirksame Gegenmaßnahmen aus, etwa mehr Freizeit (arbeite ich zuviel?), weniger sich mit Informationen vollstopfen, öfter ausschlafen.

Darüber hinaus können wir auch das grundsätzliche Staunen, das fundamentale, uns tief berührende Staunen in uns fördern. Unerwartete, vielleicht auch unerbeten in unser Leben tretende Ereignisse und Begebenheiten könnten wir offen und bejahend annehmen. Auch könnten wir Situationen herbeiführen, die uns auf die elementare Staunebene führen.

Manche meditieren zu diesem Zweck, andere erleben morgens im noch leeren Petersdom plötzlich eine tiefe und möglicherweise ungerichtete Dankbarkeit.

Rosa Luxemburg empfahl in ihrem Gedicht, immer wieder kurz innezuhalten und silberne Wolken im blauen Meer wahrzunehmen, die Einzigartigkeit eines jeden Tages zu würdigen.

Entscheidend ist hier immer die innere Bereitschaft, sich dem Staunen jenseits aller Neugier hinzugeben,.

Ein kleines Fazit: Staunen macht uns beweglich, geistig wie emotional, sei es durch Neugier und Lust oder durch Schmerz. Es lohnt sich zu staunen, es fördert unsere persönliche Entwicklung und unsere Beziehungen, es bereichert unser Leben, wie das der anderen. Und Staunen kann uns ein tiefes Gefühl der Sicherheit geben.

In diesem Sinne: Staune mehr!

Vielen Dank.

Wilfried B. Meyer am 31. Mai 2015

2 thoughts on “Über das Staunen – Wilfried B. Meyer

  1. Peter Boldt

    Leider konnte ich nicht teilnehmen, daher habe ich mich gefreut, Deinen Beitrag lesen zu können und über den kreativen und “leichtfüßigen” Umgang mit dem Thema staunen zu können. Danke

  2. Christoph

    sehr schön wissenschaftlich, leider nicht populär – wissenschaftlich. Es gibt wohl kaum Menschen, die darüber nachdenken, ob sie staunen oder nicht. Gibt es etwas, was zum Staunen veranlasst, wird man staunen. Wie kann man sich dem verschließen? Wohl kaum. Sich dem Staunen aber bewusst hingeben, wenn positiv Erstaunliches wahrgenommen wird, also den Augenblick genießen “verweile Augenblick, du bist so schön” ( keine Ahnung, woher das stammt, ist ja aber weithin bekannt) , Erstaunen über plötzlich wahrgenommene negative Eindrücke jedoch in Nachdenken und Änderung des Objektes des Staunens zu wandeln, kann hilfreich sein. Nun gut, staunen wir , wenn es Anlass dazu gibt.

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