Hell und Dunkel in Balance – Gudrun Pannier

SunnAss7_06Der Philosoph Khalil Gibran schreibt: “Wie Samen, die unter der Schneedecke träumen, träumen eure Herzen vom Frühling. Vertraut diesen Träumen, denn in ihnen verbirgt sich das Tor zur Unendlichkeit.”

Gestern noch war es kalt und nass. Wer gestern unterwegs war benötigte einen Regenschirm, warme Kleidung und freute sich zuhause über die laufende Heizung.

Heute begrüßt uns die Sonne, ein strahlend blauer Himmel. Die nächsten Tage werden wärmer, so dass wir Stück für Stück die dicken Jacken und Mäntel hinter uns lassen und die Heizung ausschalten können. Der eine oder andere kalte Tag mag noch einmal kommen, aber wir wissen, der Umschwung ist da.

Wir sind an einem Zeitpunkt des Jahres, der Equinox genannt wird. Tag und Nachtgleiche. Tag und Nacht sind gleich lang. Der 21. März und der 21. September markieren im Lauf von Erde und Sonne diese beiden Punkte des Umschwungs. In unserer, der nördlichen Hemisphäre, beginnt damit heute der Frühling, auf der Südhalbkugel der Herbst. Und in diesem Jahr wurde diesem Moment des Umschwungs ein weiterer Aspekt des Staunens hinzugefügt: Am Freitag konnte man eine Teilsonnenfinsternis beobachten. Der Mond schob sich vor die Sonne, am Mittag wurde alles in Zwielicht getaucht und die Vögel verstummten für einige Minuten. Der Mond, im Moment ein für unser Auge verborgener Neumond, wurde mehr als deutlich sichtbar durch das Spiel von Licht und Schatten.

Der Frühling bringt uns die Sonne, das Licht, die Wärme zurück. Neues Wachstum beginnt. Nach der Zeit der Ruhe in der Erde bricht das Leben hervor, Blumen wachsen, die Wiesen verwandeln sich in frisches Grün und die Bäume bilden Knospen. Kälte und Frost ziehen sich zurück.

Es ist die Zeit der ersten Aussaat. Wir sehen wie die ersten Pflanzen hervorkommen zu wachsen beginnen. Das Neue benötigt Raum und nimmt ihn sich.

Wir sind hier in der Stadt. Einige von uns mögen kleine Gärten und Balkone haben, doch sind wir dem Empfinden nach von so etwas wie Natur und Landwirtschaft weit entfernt. Sicher, unser komfortables Leben kennt nicht das Frieren im Winter, wir haben Heizungen, müssen weder Holz dafür sammeln noch von unseren knappen Vorräten zehren bis die Felder wieder tragen. Auch die moderne Landwirtschaft ist nicht mehr so direkt existentiell, wenn auch natürlich noch immer abhängig vom Laufe der Jahreszeiten.

Dennoch müssen wir uns auch in der Stadt nur umsehen. Am Straßenrand stehen Bäume, Wiesen und kleine und große Parks sind überall. Berlin ist die grünste Stadt Europas. Schaut euch um wenn ihr nachher nach Hause geht, macht vielleicht einen kleinen Spaziergang durch eine naheliegende grüne Oase, sucht nach den Frühlingsboten. Nehmt das Gefühl des Aufblühens, des Neubeginns an, lasst es in euch hinein.

Denn auch wir sind Teil der Natur. Wir bestehen – da alles mit Leben und Tod und neuem Leben in stetem Wandel ist – aus dem gleichen “Stoff” wie alles um uns herum, wie jeder Stern, aber auch wie jeder Baum, jede Blume, jeder Krumen Erde.

Und wie die Blumen und Bäume brauchen wir die Kraft der Sonne um zu leben, nicht nur durch die Abhängigkeit unserer Nahrung vom Wachstum, sondern zum Beispiel auch weil unser Körper z.B. durch Biosynthese das lebenswichtige Vitamin D bildet.

Und unser Gemüt benötigt die Sonne wie wir alle spüren können.

Unser inneres Feuer wird neu entfacht, unsere Lebensenergie kommt zurück.

Doch eh wir in diesen Frühling aufbrechen ist es gut noch einen kleinen Moment zu verweilen.
Equinox heißt Tag- und Nachtgleiche. Der Gleichstand. Der Augenblick der Balance. Die Dunkelheit hinter uns, das Licht vor uns.

Heute ist viel die Rede von Balance. Work-and-Life-Balance wird uns empfohlen als Strategie gegen das Überhandnehmen der allgegenwärtigen Arbeit in unserem Leben. Doch wird auch das leider allzu oft nur als Strategie für ein noch effizienteres Funktionieren in der Arbeitswelt genutzt, nicht als ein Weg, der uns freisetzt. Auch der Gegensatz Work – Life ist recht gewagt. Arbeit und Leben als Gegensätze zu betrachten ist schon einmal ein düsteres Bild.

Dennoch ist dieser Moment der Balance der richtige Zeitpunkt um auch mal über das nachzudenken was in unserem Leben nicht im Gleichgewicht ist. Wer bei meinem Tipp mit dem Spaziergang oben gleich gedacht hat “Dafür habe ich aber heute keine Zeit, ich muss noch …” darf sich jetzt als ertappt betrachten. Wir brauchen, egal womit wir produktiv sein sollen, den Ausgleich.

Anstrengung und Erholung, Geben und Nehmen, Nähe und Distanz, Festhalten und Loslassen, Bewegung und Ruhe.

Aber Balance ist nur der Moment in dem wir die Dinge im Gleichstand erleben. Unser Leben besteht aus dem Pendeln und Hin- und Herschwingen zwischen den Bereichen. Dieses Schwingen ist normal und nicht gefährlich falls es auch hier rechtzeitig zum Umschwung kommt und wir uns wieder in die andere Richtung bewegen. Bewusst den Zyklus des Jahres zu erleben heißt zu sehen was sich im Her- und Herschwingen bewegt, in viel größerem Maßstab als unser tagtägliches Ausgleichen von Work-Life-Balance. Wir erlauben uns auf dem Punkt des Umschwunges innezuhalten. Blieben wir dort stehen würde es Erstarrung bedeuten.

Eine gesunde Balance in der Natur und in unserem Leben bedeutet aber Veränderung im Sinne von ständiger Ergänzung und Ausgleich.

Ich zitiere mal Dr. Elisabeth Oedl-Kletter, Allgemeinmedizinerin und Psychotherapeutin: “Viele Menschen unterliegen der irrigen Vorstellung, das seelische Gleichgewicht sei ein Zustand, den man einmal erreicht hat und dann starr bewahren muss. In Wahrheit gefährdet ein solches Verhalten die seelische Balance.”[1]

Balance ist ein Moment, kein Dauerzustand, ein Moment der Passage, des Durchgangs.

Und weiter Frau Dr. Oedl-Kletter: “Unser Leben bewegt sich stetig zwischen Gegenpolen, zwischen welchen wir ein jeweils neues, für den Moment passendes Gleichgewicht zulassen sollten. Um seelische Ausgeglichenheit zu erreichen, schwingen wir ständig zwischen den Extremen. Dabei ist gegen die Extreme nichts einzuwenden, nur darin steckenzubleiben wäre ungünstig. Wir können aber den starken Pendelausschlag als Beginn einer schwungvollen Gegenbewegung in die andere Richtung nützen.”[2]

Balance ist ein Ruhezustand, Leben ist Bewegung, auf und ab.

Doch noch Verweilen wir im Moment und betrachten ihn weiter.

Viele kennen ihn noch, den guten alten Brauch des Frühjahrsputzes. Was in alten Zeiten weit dringender notwendig war als heute. Offenes Feuer und verschlossene Fenster zur Winterzeit bedeutete viel Schmutz. In der Kälte mit Wasser die Wäsche zu reinigen war nichts was man allzu gern tat. Also wurden mit der ersten Wärme endlich die Fenster geöffnet, Staub und Ruß hinausgefegt, Wäsche und Kleidung gewaschen und im Frühlingswind draußen getrocknet.

Der Brauch des Frühjahrsputzes kann uns – neben der Gelegenheit auch unsere Wohnungen und Büros mal gründlich aufzuräumen und zu reinigen – noch einiges mehr geben. Wenn wir aufräumen, innerlich wie äußerlich, nehmen wir alles nochmal “in die Hand”. Wir betrachten es, entscheiden ob wir es behalten oder uns davon trennen wollen. Das was wir behalten wollen, reinigen wir und eignen es uns damit neu an. und das wovon wir uns trennen wollen ist oft eine alte Last. Das Ding, das immer im Weg war, der Staubfänger, der bremsende Klotz am Bein.

Und Aufräumen verbunden mit Loslassen kann sehr befreien. Nur fällt es auch oft schwer… Brauche ich das wirklich nicht mehr? Also vielleicht, möglicherweise könnte ich ja damit noch ….

Ob Gegenstände oder alte Gewohnheiten, wir müssen uns überwinden. Erst bleischwer, doch dann zunehmend leichter.

Auch hier ein kleiner Trick: Nehmt euch einen Karton. Der ist eure “Ein-Jahres-Kiste”.[3] Dort rein kommt alles was eigentlich weggeworfen werden kann, aber das “vielleicht”, “ich könnte ja noch” hält euch zurück. Packt es in die Kiste. Und nächstes Jahr schaut ihr wieder hinein. Wenn ihr den Gegenstand das ganze Jahr nicht herausgeholt habt – braucht ihr dann wirklich noch? Dann könnt ihr ihn loslassen.

Auch für Gewohnheiten und den “geistigen Klotz am Bein” funktioniert so eine Kiste. Trennt euch nicht gleich von Altgewohnten. Legt es erstmal gut weg für ein Jahr. Ihr dürft es wieder herausholen. Aber wenn nicht …dann trennt euch.

Hier hilft es, sich einen Zettel zu schreiben und ihn mit zu den Gegenständen zu legen.
Wir verweilen im Moment des Gleichstandes und gehen dann – befreit von einer Last – in die Zeit des Wachstums, in dem Neues entsteht. Es brauchte Platz und wir haben ihn geschaffen.

Mit den Worten des Frühlings [4]:

„Ich bin die Kraft der erwachenden Natur.

Ich komme mit den stärker werdenden Sonnenstrahlen aus dem Osten zu dir. Ich wärme den Boden, die Luft und das Wasser, damit neues Leben wachsen kann.

Ich bringe dir das Wissen, wie du deinen Boden so bearbeiten kannst, damit deine Schätze und Fähigkeiten sich entfalten werden.

Ich bringe die Kraft mit, die du brauchst, um deine Pläne zu verwirklichen. Neue Fruchtbarkeit, neues Leben, neue Ideen, neue Möglichkeiten warten auf Verwirklichung.

Betrachte meine Boten in der Natur, sie tragen diese Kraft mitten in dein Herz. Dann wachsen auch dort Mut und Vertrauen inmitten von Lebenslust und Frühlingsgefühlen.“

So sei es.

Vielen Dank.

Gudrun Pannier am 22. März 2015

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