Neuanfänge

SunAss5_08Neuanfänge ist heute unser Thema. Und ich wollte unbedingt meinen Senf zum Thema Neuanfänge abgeben, weil ich darin nämlich Profi bin, aber nun bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich euch irgendetwas erzählen kann, das ihr nicht schon selber wisst. Ihr seid nämlich auch alle Profis im Neuanfangen.

Die Hälfte von euch hat sich zum Jahresbeginn vorgenommen mit dem Rauchen aufzuhören. Und das wohl nicht erst in diesem Jahr, sondern vermutlich auch in den zehn Jahren zuvor. Ihr wolltet mehr Sport machen, mehr Gemüse essen, mehr Spenden, weniger arbeiten, Mutti öfter anrufen, immer rechtzeitig das Leergut wegbringen, bevor man im Flur darüber stolpert, netter zu den Nachbarn sein, euch endlich darüber klarwerden, was ihr wirklich werden wollt wenn ihr mal groß seid. Ihr wolltet früher aufstehen, weniger essen, mehr lesen, mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zum Briefkasten fahren, öfter Freunde treffen, keine Überstunden mehr machen, kein Fleisch mehr essen, weniger fernsehen – und das am besten gleich … morgen.

Ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich bin schon vom Vorlesen gestresst. Und wenn ich gestresst bin, dann mach ich eines von zwei Dingen: ich mache totalen Mist. Oder gar nichts. Was meist aufs Gleiche hinausläuft.

Das schlimme an der Sache ist allerdings, dass ich mir einrede, dass es morgen besser sein wird. Ich glaube schon lange nicht mehr an Gott, aber ich habe mich viele Jahre auf etwas anderes verlassen, das gar nicht so viel besser ist als der Glaube an eine übergeordnete göttliche Gerechtigkeit oder magische Kräfte die im Verborgenen wirken. Ich habe nämlich an Selbstdisziplin geglaubt. Schlimmer noch: ich habe daran geglaubt, dass mir morgen ganz spontan das Organ wachsen wird, das für Selbstdisziplin verantwortlich ist. Und wenn es soweit ist, dann kann man neues Leben beginnen und alles läuft rund.

So, jetzt ist leider in den letzten zehn Jahren nichts dergleichen passiert und ich denke, man kann dieses Experiment mit gutem Gewissen zu den Akten legen. Den Glauben an Neuanfänge habe ich aber trotzdem nicht verloren. Ich glaube daran, dass sich Menschen ändern können. Ich glaube daran, dass jedem Neuanfang ein Zauber innewohnt. Ich glaube daran, dass ein Mensch, der zwanzig Jahre lang alkoholabhängig war, den ersten Entzug schafft und dann den Rundenrekord beim Berlinmarathon aufstellt. Ich glaube an Leute, die die Kurve kriegen. An Leute, die von heute auf morgen mit dem Rauchen aufhören. Aber ich glaube auch, dass das die Ausnahme von der Regel ist.
Die meisten von uns scheitern, beim Versuch ihr Leben umzukrempeln. Und eigentlich wäre das in einer Welt, die uns so auf Erfolg drillt, gar nicht so schlimm. Misserfolg kann nämlich mindestens fünf Funktionen haben.

  1. das was ich mir da vorgenommen habe, passt überhaupt nicht in mein Leben oder in den Bereich meiner geistigen und körperlichen Möglichkeiten. Ein Pinguin zum Beispeil kann noch so entschlossen versuchen das Fliegen zu lernen. Wenn er sich nicht gerade vornimmt, einen Pilotenschein zu machen, wird das einfach nix.
  2. Vielleicht habe ich ganz insgeheim auch gar keine Lust auf die aktuelle Trendsportart oder die neue Brigitte-Diät. Vielleicht nicht mal auf den tollen Traumkörper oder den Superüberjob. Vielleicht will und brauche ich etwas ganz anderes im Leben über dass ich mir noch nicht im Klaren bin.
  3. Es ist auch möglich, dass ich einfach noch nicht den richtigen Weg gefunden etwas zu tun. Vielleicht will ich tatsächlich mehr Sport machen, will aber nicht 200€ für Laufschuhe ausgeben und um sechs Uhr aufstehen um eine Runde im Park zu drehen.
  4. Vielleicht sind meine Vorstellungen von Erfolg und Misserfolg überholt. Wenn ich mir vornehme jeden Tag eine Stunde Yoga zu machen und das innerhalb einer Woche nur fünf statt sieben Mal schaffe, ist das alles andere als ein Misserfolg.
  5. Motivation: wenn ich nur Yoga mache, weil mir jemand gesagt hat, dass mein Hintern immer breiter wird, gehe ich vermutlich mit soviel Freude an die ganze Sache, die man nach einem solchen Kommentar erwarten dürfte. Wenn ich aber immer dann Yoga mache, wenn es mir guttut, komm ich von der Matte wahrscheinlich gar nicht mehr runter.

Natürlich ist das bewundernswert, wenn z.B. eine, die sich seit den verhassten Turnübungen in Schulsport nicht mehr bewegt hat, plötzlich einen Rappel kriegt und den Weltrekord im – keine Ahnung – Sackhüpfen aufstellt. Ist ja auch eine bessere Geschichte, als wenn man im Abendmagazin über eine Frau berichtet, die jeden Tag einen Liegestütz macht und jeden Tag einen mehr und dann am Ende des Jahres topfit ist.

Wenn ich aber auf eine dieser beiden Frauen wetten müsste, dann würde ich mein Geld auf die zweite setzen. Nämlich die, die nicht versucht gleich den Mount Everest zu erklimmen, sondern die, die sich erst mal an einer Kletterwand versucht. Ich setze auf denjenigen, der sich nicht vornimmt von einem auf den nächsten Tag vom Kannibalen zum Veganer zu werden, sondern auf den, der erst mal die Wurststulle zum Frühstück gegen das Müsli tauscht.

Wir sind Gewohnheitstiere. Mit Gewohnheiten zu brechen – auch wenn sie noch so problematisch sind – verursacht uns neurologisch messbares Leid. Die gute Nachricht ist, das wir diesselbe Macht, die sich unserem Bestreben, Dinge zu verändern, entgegenstellt, für uns nutzen können. Neue Gewohnheiten brauchen 21 Tage um sich in unserem Leben zu etablieren. Und drei Wochen jeden Morgen Situps machen oder sich an einer neuen Fremdsprache zu versuchen, klingt doch sehr viel machbarer als das Bestreben von heute auf morgen für immer fit und diszipliniert zu sein.

Es braucht keinen kompletten allumfassenden Neuanfang um ein gutes, besseres Leben zu führen. Eine kleine Kursabweichung reicht oft aus um ans Ziel zu kommen, ist oft sogar sicherer als ein abruptes Schwenkmanöver, das einen mitunter zum Kentern bringt.

Meine persönliche Empfehlung ist: mehr schlafen. Wenn ihr irgendwas in eurem Leben ändert wollt, dann fangt da an. Wer ausgeschlafen ist, trifft bessere Entscheidungen. Wer müde ist, der hat einfach keine Selbstdisziplin, ganz gleich wie sehr er gestern noch davon überzeugt war, dass ihm regelmäßiges Spazierengehen guttut.

Okay, genug von Dingen gepredigt, die ich selbst nicht einhalte. Ich wünsche euch nun viel Spaß bei euren vielen kleinen Neuanfängen. Und ja! Neuanfangen darf tatsächlich auch Spaß machen, das muss nicht immer Blut und Schweiß kosten.

Anne Paschen am 18. Januar 2015

One thought on “Neuanfänge

  1. Christoph Schwarze

    Neuanfangen – das passiert mir jeden Morgen beim Aufwachen. Neuanfangen – das passiert mir jeden Tag immer und immer wieder. Wie eben jetzt: Bis vor drei Minuten wusste ich nicht, das ich mich heute noch mit diesem Thema derart befassen werde, das es mich zum Schreiben darüber bewegt. Nun ist es passiert. Neu angefangen. Warum soll ich Veganer werden? Will ich nicht. Mag tun, wer will. Ich esse mit Genuss eine gute Fleischwurst. Warum soll ich mit Yoga beginnen? Will ich nicht. Mag tun, wer will. Ich freue mich, wenn es mir gelingt, morgens meine 10 Liegestütze, 10 Kniebeuge und einige Übungen intensiver Atmung zu absolvieren. Schaffe ich das, bin ich froh. Hab ich keine Lust dazu, mach ich es einfach nicht und bin froh,es einmal nicht getan zu haben, eben weil ich es nicht wollte. Immer wieder ein Neuanfang möglich, kann aber auch bleiben wie es ist, wenn ich es für mich gut finde. Es gibt keine Pflicht zum Neuanfang, es gibt aber das Recht, es für sich zu entscheiden. Jetzt ist Feierabend. Ein Zigarettchen und ein guter Kognak werden mir helfen, ihn voll innerem Freiden zu genießen. Euch auch einen schönen Feierabend, wie ihr auch immer ihn für Euch richtig findet. Lasst Euch die Entscheidung darüber aber nicht abnehmen. Es ist Euer Feierabend. Euer Christoph

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