Verschiedene Traditionen des Feierns im Monat Dezember – Walter Otte

SunAss4_03“Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde….” – wer kennt diese Worte nicht, die die christliche Weihnachtsgeschichte einleiten? Erzählt wird in der Bibel, im Neuen Testament, die Geschichte der Geburt von Jesus vor 2000 Jahren, von Jesus, den man zu einem Gott erhoben hat. Diese Geschichte berichtet von der Reise der schwangeren Maria mit Joseph nach Bethlehem, von der Geburt eines Kindes, das in eine Krippe gelegt wird, von Hirten, Engeln, einem Stern, einer Flucht und anderem mehr. Und die Geburtsgeschichte des Erlösers, des Heilands, ist nach wie vor die weitaus bekannteste, wenn hierzulande von Weihnachten die Rede ist.

Weihnachten als mit dem Christentum untrennbar verbunden zu sehen, mag zwar nach wie vor noch üblich sein in unserem Kulturkreis, doch gibt es in einem immer weniger christlich geprägten Land durchaus Anlass, an verdrängtes und auch unterdrücktes Wissen zu erinnern, daran somit, was Weihnachten, oder besser die Zeit in der zweiten Hälfte des Monats Dezember auch ist: eine Zeit der Feste, der Feierlichkeiten in menschlichen Gesellschaften seit mehreren tausend Jahren; bis etwa 4000 Jahre reichen die Informationen darüber zurück.

Im Römischen Reich war der 25.Dezember ein Feiertag zu Ehren des Gottes Mitras, auch bezeichnet als dies naturalis invicti solis (Geburtstag des unbesiegten Sonnengottes) auch invicti solis, gleichbedeutend mit Geburt der unbesiegten Sonne. Dieser unbesiegte Sonnengott Sol invictus war ab 274 der Zeitrechnung römischer Reichsgott, dessen Kult begangen wurde mit einem Hauptfest eben am 25. Dezember. Hinzu kam im Dezember – ab dem 17. – das Fest zu Ehren des Gottes Saturn, zunächst über mehrere Tage, dann über mehr als eine Woche begangen, ein Zeitraum – Saturnalien genannt – des närrischen ausgelassenen Treibens. Es war eine Zeit des ausschweifenden Feierns, eine Zeit des Beschenkens untereinander, des Beschenkens der Kinder und auch der Armen, eine Zeit der Arbeitsruhe (zumindest für Staatsbedienstete) und der Schulferien, eine Zeit der Versöhnung, in der Hinrichtungen aufgeschoben wurden – und zudem wurden während dieser Zeit keine Kriege erklärt.

In Mittel- und Nordeuropa, bei den Germanen und Kelten, wurde im Dezember eine „heilige Sonnenfeier“ begangen – Wintersonnenwende – 21. Dezember. In einer Lebenswirklichkeit, in der die Sonne in einem unmittelbaren Sinne essentielle Bedeutung für das menschliche Überleben hatte, wurde Mutternacht, althochdeutsch Modranecht, gefeiert, diejenige Nacht, in der die Göttin im Erdinneren das Sonnenkind gebiert. Weihnacht von den Menschen als “Weihe-Nacht” begriffen. Die Bezeichnung “Weihnachten” weist auf eine Mehrzahl von Nächten hin, im Mittelhochdeutschen “wihen nahten”, auf den altdeutschen Begriff “wjh” bezogen, was “heilig” bedeutet. Daraus folgend dann die “Heilige Nacht”. “Weihenächte”:  sie bringen das Ahnen und das Wissen der Menschen um die sich wiederholenden Naturzyklen, die Wiederkehr des Lichts zum Ausdruck, stehen für die Geburt neuen Lebens.

“Jul-Fest”, Mittwinterfest, am Höhepunkt der dunklen, kalten und lebensunwirtlichen Zeit mit der Perspektive des (wieder) beginnenden Lebens mit den dann wieder länger werdenden Tagen, hin zu Frühling und Sommer, zur Saat, zu Reife und Ernte. Gefeiert wurden Sonnen-, Toten- und Fruchtbarkeitsriten zur Neuaktivierung menschlicher und natürlicher Kraft. Das JUL-Fest wurde gefeiert als ein Fest des Lichtes, der Freude und der Hoffnung; es bildete den Höhepunkt der dunklen Zeit, und in dieser längsten Nacht des Jahres erfüllte sich für die Menschen ein Versprechen der Wiedergeburt.
Manche weitere Ähnlichkeiten mit dem heutigen „christlichen“ Weihnachten gibt es in der Weltgeschichte: Schon im alten Ägypten und in Mesopotamien kannte man das auch uns gut bekannte Motiv “Mutter mit Kind” (Isis mit dem Kind Horuz in Ägypten, Ischtar mit dem Kind Tammuz in Babylon).

Aber auch das Schmücken und Dekorieren mit grünen Zweigen, mit Lichtern, das Abbrennen von Kerzen war bei den Saturnalien im Römischen Reich, aber auch beim Julfest, und nochmals zweitausend Jahre früher im heutigen Irak, beim Sacaca-Fest, üblich. Übrigens auch in der jüdischen Tradition gibt es Kerzen im Dezember – beim Chanukka-Fest gibt es den neunarmigen Leuchter, an dem eine Kerze ständig brennt und an jedem nächsten Tag eine weitere angesteckt wird.

Vieles an den Berichten über die alten Feiern und Kulte kommt uns bekannt vor, ja – wir sind nicht einzigartig neu in unserem Verhalten, sondern stehen in einer Tradition der Menschheit, einer Tradition seit langer Zeit und in verschiedenen Kulturen.

Nicht zu vergessen: der uns allen seit Kindertagen bekannte Adventskranz versinnbildlicht einen Jahreskreis mit den vier Jahreszeiten, und der Weihnachtsbaum – auch als Christbaum bezeichnet – steht im Zusammenhang mit einem seit altersher verbreiteten Baumkult. Der Nadelbaum, der immergrün bleibt, steht als Symbol für das Durchhaltevermögen der Natur und den Durchhaltewillen des Menschen.

Und das christliche Weihnachten? Noch im Jahr 245 wurde etwa von dem bedeutenden Kirchenlehrer Origenes die Idee, Jesus Geburt zu feiern, als Sünde verworfen. Nur Sünder (wie etwa der Pharao) feierten, so die kirchliche Begründung damals, große Feste zu ihrem Geburtstag. Mehrere Jahrhunderte lang verboten die christlichen Kirchenführer die Beteiligung von Christen an den Feierlichkeiten im Monat Dezember – aber letztlich ohne Erfolg: Bestehende heidnische Feste wurden in das im 4. Jahrhundert im Römischen Reich siegreiche Christentum “integriert”. Das Volk bestand auf seinen traditionellen Bräuchen und Festen. Ein aus der Not der Kirchenführer geborenes, im Nachhinein muss man aber wohl sagen, gelungenes Projekt, die heidnischen Massen des Römischen Reiches für die christliche Idee zu gewinnen, mit ihr zu versöhnen. Man ließ dem Volk seine Bräuche, benannte sie um, gab ihnen eine andere Deutung, einen anderen Sinn.

Die ursprüngliche Bedeutung von Weihnachten hat, so zeigen uns schon diese knappen Hinweise, nichts mit der Geburt des Jesus in Betlehem zu tun, sondern geht weiter zurück – zurück auf den Sonnenkult der Urvölker. Und die Sonne, das wissen wir heute ebenso, allerdings im Detail genauer als die Menschen vor mehreren tausend Jahren, das Sonnenlicht und die Sonnenwärme sind Voraussetzungen für das Leben auf unserem Planeten, für unser Leben.

Kurzum: Weihnachten – nicht einfach und nicht originär ein christliches Fest. Stattdessen: ein für die Menschen kulturell bedeutsames Ereignis seit Jahrtausenden, in dessen Zentrum die Bejahung des Lebens, die Feier der Wiederkehr des Lebens steht. Licht, Wärme, Sonne, Leben, aber auch Fröhlichkeit und Ausgelassenheit in allen Kulturen – dies zeigt sich als Resümee von Weihnachten im geschichtlichen Abriss.

Der humanistische Philosoph Joachim Kahl weist darauf hin, dass das Feiern im Dezember sich unverwüstlich zeige. Seit Jahrtausenden findet es schon statt. Es habe eine naturgeschichtliche, kosmische Bedeutung: die ständige Wiederkehr des lebenssichernden kosmischen Umschlags, die Sonnenwende, den Sieg des Lichts über die unwirtliche lebensfeindliche Dunkelheit, den Sieg der Wärme über die Kälte. “Und es ist unverwüstlich, weil es einem realen Bedürfnis entspringt. Es entspringt dem Bedürfnis, sich in der dunkelsten und kältesten Zeit des Jahres mit einer Fülle von Handlungen, Symbolen und Utensilien das Licht und die Wärme zu vergegenwärtigen, die wir Menschen brauchen, um unser Leben erfreulich zu gestalten und ihm eine spirituelle Orientierung über den Tag hinaus zu geben”, so der Philosoph Joachim Kahl.

Die christliche Begründung des Weihnachtsfestes freilich beginnt zu verblassen, es wird mehr und mehr zu einem “verweltlichen Familienfest”, mit vielerlei auch problematischen, mit negativen Aspekten. Kommerz, ja Konsumterror und Hektik in den Wochen vor Weihnachten, sich immer mehr steigernd – bis zum Einkaufsschluss am 24. Dezember, meist um 14 Uhr. – Wer kennt dies nicht? Ein weiteres: Weihnachten als “Familienfest” – nicht unproblematisch – “emotional aufgeladen und überfrachtet mit unrealistischen Sehnsüchten”, so nochmals zitiert Joachim Kahl. Streit statt der gewünschten Harmonie! Auch das gehört zu Weihnachten – so der aktuelle Befund.

Was also könnten “Gottlose”, säkular-humanistisch orientierte Menschen feiern? Die alten Riten? – möglich, aber wir können auch aus den Traditionen das herausziehen, was wir für sinnvoll und nützlich, für das Beste halten. Und wir können auch Neues hinzufügen.

“Lebe besser!”, dieses Motto der Sunday Assembly könnte uns dazu inspirieren, für ein Weihnachtsfest zu plädieren, das ein geselliges und heiteres Fest der Mittwinterzeit, ein weltliches Friedensfest, ein Fest der Menschen miteinander, ein Fest der Gemeinschaft sein könnte.

Eine solche Vorstellung würde vieles aufgreifen, was seit Jahrtausenden im Dezember gefühlt, gedacht, gefeiert wurde, aber ohne ideologische Einengung, ohne religiöse Aufgeladenheit. “Friede auf Erden” könnte durchaus eine Botschaft eines solchen Weihnachtsfestes sein, aber auch die Orientierung auf unsere Eingebundenheit in die Natur und in die Gesellschaft, in die lebensnotwendige Gemeinschaft mit anderen Menschen. Daran zu erinnern, Freude am Leben und auch Vorfreude auf das entstehende und das wiederkehrende Leben, auf die Jahreszeit des Lichts nach der Jahreszeit des Dunkels, zu empfinden – das alles kann gefeiert werden.

Wir können aus dem kulturellen Erbe der Menschheit das nehmen und übernehmen, was uns heute sinnvoll erscheint – in einem säkular-humanistischen Sinne – wir müssen weder das Rad noch Feste neu erfinden.

Und wir könnten dabei auch aus dem “christlichen Erbe” Positives übernehmen. Keineswegs die Vorstellung einer Jungfrauengeburt, einer Jungfrau ohne Erbsünde, keineswegs die Geburt eines Gottes. Der Publizist Alan Posener hat vor wenigen Wochen in einem Essay darauf hingewiesen: dass der christlichen Weihnachtsgeschichte, in der ein Gott unter ärmlichsten Verhältnissen zur Welt kommt, ein sozialer Zug eingeschrieben sei. Posener meint, dass es nicht darauf ankomme, ob diese Weihnachtsgeschichte sich so ereignet habe, sondern auf das Bild, das eine solche Geschichte transportiere.

Er schreibt: “Da ist ein vielleicht vierzehnjähriges Mädchen, das plötzlich schwanger wird – es weiß selbst nicht so richtig, wie. Auf diesen ‘Ehrverlust’ steht als Strafe, damals in Palästina wie heute in so manchem Land des Nahen Ostens, der Tod. Ihr Verlobter denkt daran, sie heimlich zu verlassen. Aus Liebe, weil dann die Schuld auf ihn geschoben werden kann: Wenn er seine Braut erst schwängert hat und verlässt, bleibt die Ehre des Mädchens unangetastet. Doch während er noch die Vorbereitungen zur Flucht trifft, hat Joseph einen Traum, in dem ihm gesagt wird, er solle bei Maria bleiben, ihr Kind sei etwas Heiliges. Und er – ein seltsamer Heiliger – tut das dann auch.” Posener fragt, wohl nicht ganz zu Unrecht: “Wer von uns heutigen, aufgeklärten Männern wäre so großherzig?”

Soziales Verhalten, Empathie, Mitmenschlichkeit, Solidarität, ja “Nächstenliebe”, Hilfe für die Schwachen, für die Einsamen, die in ihren Lebensentwürfen Gescheiterten. Als dies kann man mit dieser Weihnachtsgeschichte assoziieren und all dies sollte auch keineswegs in Vergessenheit geraten, dazu ist es für das Leben von Menschen zu wichtig. Gerade dann, wenn unser Motto “Lebe besser” lautet, sollte, nein dürfen solche Empfindungen und Verhaltensweisen nicht vergessen werden.

Ich hoffe, ich konnte mit diesen mehr schlagwortartigen Bemerkungen Eurer Interesse an einer Feier im Dezember, an Weihnachten, in den geweihten Nächten, zur Wintersonnenwende wecken und fördern. Einen Grund, auf das Feiern zu verzichten, vermag ich jedenfalls – wenn ich die jahrtausendealten Traditionen betrachte – nicht zu erkennen. In dem skizzierten Sinne Weihnachten auf eine neue Art zu feiern und dabei vom Konsumterror, von der Hektik und dem Stress des bisherigen Weihnachten wegzukommen, könnte durchaus ein Ziel für jede, für jeden von uns sein.

In diesem Sinne dann allen ein fröhliches Weihnachtsfest.

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